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Was tut wohl die Rose zur Winterszeit?
Sie träumt einen hellroten Traum
Wenn der Schnee sie deckt um die Adventszeit,
Träumt sie vom Holunderbaum.
Wenn der Silberfrost in den Zweigen klirrt,
Träumt sie vom Bienengesumm,
Vom blauen Falter und wie er flirrt...
ein Traum und der Winter ist um!

Und was tut die Rose zur Osterzeit?
Sie räkelt sich bis zum April.
Am Morgen da weckt sie die Sonne im Blau
Und am Abend besucht sie den Frühlingstau
Und ein Engel behütet sie still

-Der weiß ganz genau was Gott will!-
Und dann, über Nacht, wie ein Wölkchen, ein Hauch,
Erblüht sie zu Pfingsten am Rosenstrauch

Mascha Kalenko (1888-1975)




Während seines Aufenthaltes in Paris kam der Dichter Rainer Maria Rilke täglich an einer Bettlerin vorbei. Sie saß stumm und scheinbar unbeteiligt an einer Gartenmauer. Hatte einer ein Geldstück in ihre Hand gelegt, ließ sie die Münze rasch in ihrer Manteltasche verschwinden. Sie dankte für keine Gabe. Sie sah zu keinem Geber auf. Ihrem Schicksal ergeben hockte sie an der Mauer- ein lebendiges Bild des Bettelns.

Eines Tages blieb Rilke mit einem Freund bei der Bettlerin stehen. Und er legte in die Hand der alten Frau- eine Rose. Da geschah etwas was noch nie geschehen war; die Bettlerin sah auf, ergriff die Hand ders Dichters und küsste sie. Dann ging sie mit der Rose davon.

Am nächsten Tag saß die alte Frau nicht auf ihrem gewohnten Platz. So blieb es am zweiten und am dritten Tag; so blieb es eine ganze Woche lang. Verwundert fragte der Freund den Dichter nach der beängstigten Wirkung der Gabe. Rilke sagte: "Man muss ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand". - Auch eine andere Frage konnte sein Freund nicht unterdrücken: wovon denn die Bettlerin all die Tage gelebt habe, da niemand Geld in ihre Hand legte? Rilke antwortete: "Von der Rose"